AA-DACH, die Zeitschrift der deutschsprachigen "Anonymen Alkoholiker" erscheint monatlich und kann ausschließlich über unser gemeinsames Dienstbüro in Deutschland bezogen werden. Die Bestelladresse finden Sie am Ende dieses Artikels.

In AA-DACH werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht. Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

Die kommenden Monatsthemen finden Sie hier: externer Link

"Selbstwert - der eigene Wert"
lautete das Monatsthema der Ausgabe vom Oktober 2021.

Als Leseprobe aus dieser Ausgabe haben wir folgenden Artikel ausgewählt:

Drei Stufen zu keinem Thron

Auch ich, Eberhard und Alkoholiker, gehörte zu denen, die Selbstwertgefühl einmal so verstanden haben, wie es häufig sowohl in analogen und digitalen Medien als auch in seriös aufgemachten Persönlichkeitsseminaren propagiert wird. Auch ich glaubte, das sei etwas, das man lernen könne, durch Beherrschung der Körpersprache, Redetechniken, so genanntes positives Denken. Selbstsicher und selbstbewusst erschienen mir Prominente, welche die Talk-Shows bevölkern oder die Jury in gewissen Wettbewerbsshows abgeben, sowie viele Blogger und Influencerinnen in den sozialen Netzwerken. Von hohem Thron herab fällen sie ihre Urteile und sondern in weltfraulichem Auftreten und selbstherrlicher Attitüde ihre Meinungen ab. Doch dieser Thron steht auf wackeligen Füßen. Wenn Leid, Not, Elend oder Krankheit mit Wucht dagegen schlagen, bricht er ein. Das habe ich sowohl in meiner nassen wie meiner trockenen Zeit selbst schmerzhaft erlebt.

Es hat mich viele Jahre des Nachdenkens, unterstützt durch philosophische und psychologische Literatur, und viel Mühe des Übens, begleitet von der AA-Gemeinschaft, gekostet, zu meiner heutigen Auffassung von Selbstwertgefühl zu gelangen. Selbstwert, wie ich ihn verstehe, geht mit einer gewissen Bescheidenheit, man kann auch sagen Demut, einher. Sobald ich mich dabei ertappe, für mein selbstsüchtiges Ich wieder einen Thron zu errichten, weiß ich, dass ich auf dem falschen Weg bin. Mein Weg zum Selbstwertgefühl führt über drei Stufen, aber zu keinem Thron.

Über diese drei Stufen will ich ein paar Worte verlieren. Über diese drei Stufen gelange ich wieder in meine Mitte, mein Selbstwertgefühl, wenn ich aus dieser Mitte hinausstolpere. Diese drei Stufen stehen für mich in enger Verbindung mit den Zwölf Schritten der AA.

Selbsterkenntnis

Einer der sieben Weisen des Altertums, Solon von Athen, bezeichnete die Selbsterkenntnis als den Anfang aller Weisheit. Selbsterkenntnis bedeutet für mich zu wissen, wer ich jenseits meiner Leistungen, Charakterzüge, Vorlieben und Abneigungen in meinem innersten Wesen bin. Mit dem Satz „Ich bin Alkoholiker“ bin ich zu einer solchen Selbsterkenntnis gelangt. Folgerichtig ist für mich der Erste Schritt der AA ein Schritt der Selbsterkenntnis, aber auch die Schritte Vier, Zehn und Zwölf gehören für mich dazu. Denn durch Inventur erkenne ich meine Stärken und Schwächen, meine Fehler und Vorzüge und beziehe sie täglich neu auf das „spirituelle Erwachen“, die Grunderkenntnis dessen, was ich bin und weitergeben will.

Selbstannahme

Selbsterkenntnis bedeutet noch nicht Selbstakzeptanz. Mit meiner Erkenntnis, Alkoholiker zu sein, haderte ich lange. Akzeptieren wollte ich das nicht. Denn das hieß ja: Ich bin ein suchtkranker, hilfsbedürftiger Mensch und nicht der strahlende Held und Retter, der ich gern gewesen wäre. Als mir durch die Inventur nach Schritt Vier das ganze Ausmaß meiner Schwächen und Charakterfehler klar wurde, fiel es mir noch schwerer, mich so anzunehmen, wie ich bin, geschweige denn, mich zu lieben. Um mich selbst akzeptieren zu können, brauchte ich die Schritte Zwei, Fünf, Acht und Neun. Wenn Gott und ein anderer Mensch, dem ich unverhüllt meine Charakterfehler eingestehe, mich so annehmen, wie ich bin, wenn Gott mir meine geistige Gesundheit wiedergeben will und mir Wege zeigt, wie ich Fehler wiedergutmachen kann, mit welchem Recht dürfte ich mich dem verweigern?

Selbstvertrauen

Selbsterkenntnis und Selbstannahme sind noch geistige Akte des Denkens und Wollens. Auf Stufe drei, dem Selbstvertrauen, tritt jetzt auch ein Gefühl auf den Plan. Denn wenn ich meine Schwachstellen wie meine Stärken kenne und akzeptiere, dann weiß ich auch, wo ich mir im Alltag selbst vertrauen kann und wo nicht. Ich vergleiche in dieser Hinsicht mein Leben mit einer Wanderung über einen zugefrorenen See. Ich weiß aufgrund meiner Erkenntnis, wo das Eis dick genug ist und mich sicher trägt. Da kann ich forsch ausschreiten. Das ist zum Beispiel im Berufsleben aufgrund meiner langjährigen Erfahrung so. Ich weiß aber auch, wo das Eis brüchig ist und dünn, etwa in süchtigen Verhaltensweisen aller Art. Hier taste ich mich vorsichtig, ja tastend voran. Elegant sieht das nicht aus, in diesen Bereichen wirke ich auf meine Mitmenschen unsicher und wenig vertrauenerweckend. Das sind auch die Stellen der Eisdecke, wo ich die Hand nach Hilfe ausstrecke. Dies geschieht in den Schritten Drei, Sechs, Sieben und Elf. In diesen Schritten vertraue ich mich Gott an und gewinne dadurch Selbstvertrauen fernab prahlerischer Selbstsicherheit.

Mein so gewonnenes Selbstwertgefühl verdanke ich nur zu geringem Teil mir selbst. Es speist sich aus der Wertschätzung derer, die mit mir Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen. Ihr seid mir wertvolle Freundinnen und Freunde, denen ich dankbar bin.

Eberhard, Bad Breisig

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