In der Monatszeitschrift AA-DACH der deutschsprachigen Anonymen Alkoholiker werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht. Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.
AA-DACH erscheint monatlich und kann ausschließlich über unser gemeinsames Dienstbüro in Deutschland bezogen werden.
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Das Monatsthema im Dezember 2011 lautete:
DIE SCHAM EIN ALKOHOLIKER ZU SEIN
Als Leseprobe finden Sie hier einen Beitrag aus diesem Heft:
FORT MIT DER SCHAM, HER MIT EHRLICHEM ENGAGEMENT
"Mein Name ist Ingrid, ich bin Alkoholikerin." Diese Aussage wäre vor einigen 24 Stunden NIEMALS über meine Lippen gekommen. Während meiner Trinkzeit wollte ich mit Begriffen, die auf Alkohol Bezug nahmen, rein gar nichts zu tun haben, zu Beginn meiner Trockenheit wollte ich nicht, dass irgendjemand weiß, was mit mir los ist und heute muss ich, wenn ich mich vorstellen soll, aufpassen, dass ich nicht "Ingrid, Alkoholikerin" sage. Zwischen den Anfängen und jetzt ist sehr viel Wasser die Donau hinuntergeflossen!!!
Eigentlich weiß ich bis heute nicht, wie das funktioniert hat! Ich hatte täglich eineinhalb bis zwei Flaschen Schnaps getrunken, zu meinem ersten Meeting kam ich leicht angeheitert – ging heim, entsorgte die Bar meines Bruders nach Bunt- und Weiß-Glas und bin seither trocken. Ich war so dumpf im Kopf, dass ich glaubte, in ganz Wien gäbe es nur die beiden Meetings in Kaisermühlen am Montag und Donnerstag – dort ging ich auch hin. Ganz langsam verzog sich der Nebel von meinem Hirn, ich hörte nicht mehr nur die Aussagen der ersten Zeit (Lass das erste Glas stehen! Trinke viel Tee oder Wasser oder Saft! Horche auf die Gleichheiten! Nur für heute! Bevor du trinkst, ruf an! …..), sondern auch die Schritte und Teile des Programms. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie mein Magen zu einem Knopf schrumpfte, als ich die Zeilen in Kapitel 5 (BB S. 67) hörte: "Nicht zur Genesung gelangen diejenigen, die sich nicht ganz in dieses einfache Programm einbringen können oder wollen. Meistens sind es Männer und Frauen, die aus ihrer Veranlagung heraus sich selbst gegenüber nicht ehrlich sein können. Solche Unglücklichen gibt es. Es ist nicht ihre Schuld. Es scheint, als seien sie so geboren. Sie sind von Natur aus nicht in der Lage, eine Lebensweise anzunehmen und für sich zu entwickeln, die eine absolute Ehrlichkeit verlangt." Uh – das fuhr ein! Da hörte ich meine Mutter sagen: "Mädel, du lügst dir in den eigenen Sack!" und ich wusste immer, dass sie recht hatte. Jetzt kam die Angst dazu, dass ich vielleicht nicht trocken bleiben könnte. Ich hatte mir ja über Jahre bewiesen, dass ich es nicht konnte, also war ich ganz fasziniert, dass ich jetzt Tag für Tag nicht trinken musste. Ich konnte jederzeit sagen, den wievielten Tag meiner Trockenheit ich eben lebte.
Je weniger Nebel in meinem Kopf war, desto aggressiver und zorniger wurde ich. Gott sei Dank wusste ich auch da schon, dass ich täglich ins Meeting gehen konnte, an manchen Tagen auch mittags bzw. vormittags. Das tat ich dann auch, oft 10 Meetings pro Woche. Meine Umgebung begann sich zu wundern, wo ich denn so viel Zeit verbrachte. Während der ersten zwei Jahre meiner Trockenheit fragten meine Kinder, Verwandten und Freunde, was ich denn so am Abend da immer mache. Meine stereotype Antwort: "Ich gehe zu Freunden!" Nicht gelogen, aber auch die Wahrheit kann vollkommen oder nicht so vollkommen ehrlich sein! Der Satz brannte immer auf meiner Zunge, weil ich genau wusste, dass ich da nicht 100 % ehrlich war und mir fiel das Blaue Buch ein! Trotzdem war ich überzeugt, mir würde die Zunge abbrechen, hätte ich sagen müssen, dass ich zu Meetings der Anonymen Alkoholiker gehe, weil ich es nicht allein geschafft habe, mit dem Trinken aufzuhören. Als Frau zu trinken ist schon eine besondere Schande, aber dann auch noch nicht mal die Kraft aufzubringen, selbst mit dem Trinken aufhören zu können, das schlägt wirklich dem Fass den Boden aus. Und obwohl ich daran glauben wollte, dass Alkoholismus eine Krankheit ist, schämte ich mich doch Alkoholikerin zu sein und nicht mal selbst mit dem Alkohol fertig geworden zu sein. Wahrscheinlich brachte ich den Alkoholismus doch noch mit Willensschwäche und Charaktermangel in Zusammenhang.
Am 663. Tag meiner Trockenheit feierte ein Kollege seinen neuesten Karrieresprung mit einem Sektfrühstück in meiner Schule. Ich war darauf bedacht, nicht mal Orangensaft zu trinken, den könnte ich auch verwechseln, also hielt ich mich an Wasser. Natürlich hatten meine Kollegen bis dahin meine Veränderung dankbar hingenommen, aber auch von denen wagte es keiner, das Thema anzusprechen. In weiten Teilen unserer Gesellschaft ist der Alkoholismus und der Umgang mit Alkohol ein Tabu! Sie freuten sich wohl mit mir, dass es mir so gut ging und ich nun ein so fröhliches Leben führte, aber die Hintergründe der Veränderung wollten sie eigentlich auch nicht wissen. Während des Sektfrühstücks kam ein anderer Kollege, auch mit einem Glas Wasser, das in seiner Hand zitterte, auf mich zu und fragte: "Wie geht's Dir?" "Danke, sehr gut." "Mit dem Alkohol auch?" O du lieber Gott! Mir wurde heiß, mir wurde kalt, ich spürte die Hitze in meine Wangen steigen, mein Magen fühlte sich an wie ein "schwarzes Loch", schließlich brachte ich doch ein "Ja!" heraus! Und schon folgte seine nächste Frage: "Wie hast Du das geschafft? Allein? Oder hast Du Hilfe in Anspruch genommen?" Mein Mund war trocken wie die Wüste Gobi, der Knödel (= Kloß) im Hals so groß, dass ich dachte, ich würde ersticken und in meinem Kopf die Panik! Tausende Antwortmöglichkeiten jagten einander in kürzester Zeit. Am liebsten wäre ich dort an Ort und Stelle in den Boden versunken! Aber ich stand starr und atemlos vor ihm. Ich schluckte, schluckte nochmals, und schluckte immer wieder, was sollte ich da bloß jetzt sagen! Plötzlich sah ich das Schild vor meinem geistigen Auge! ICH BIN VERANTWORTLICH…..DIE HAND DER AA MUSS AUSGESTRECKT SEIN…… Heute weiß ich, dass ich damals schon eine Höhere Macht hatte (auch wenn ich das zu der Zeit noch heftig abstritt), die mich an die Verantwortung erinnerte, die Botschaft weiterzugeben. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor, bis endlich die Tischtafel gesiegt hatte und ich sagte: "Allein konnte ich das nicht, ich gehe zu den Anonymen Alkoholikern." Er wollte wissen, was AA so macht, wie das abläuft, wie man hinkommt,…. Wir verließen das Fest und ich erzählte ihm von AA, von den Meetings, gab ihm einen Meetings Kalender, sagte ihm, wo ich an diesem Abend sein würde, aber dass er in jedes beliebige Meeting gehen könnte. Er ging wohl mit einem neuen Hoffnungsschimmer heim, und ich begann mein Kopf Kino! Jetzt hatte ich mir eine Blöße gegeben, ich hatte zugegeben, dass ich zu AA ging, wenn der das weiter erzählt, diese Schande! Alle würden es wissen und mich schief anschauen! Könnte ich diese Schande ertragen? Ich schämte mich so schon genug, aber dann???? Wenn er zum Meeting käme, wäre alles in Ordnung, dann sitzt er im gleichen Boot, ja aber, wenn nicht????? Der Nachmittag war endlos lang, das Kino in meinem Kopf machte keine Pause! Ich war schon um 6 vor dem Meetings Lokal, ging auf und ab, vor und zurück, und wartete. Er kam, er blieb, er ist seither trocken. Die Freunde, die in Wels beim DLT waren, wissen sogar seinen Namen!
Dieser eine Moment der absoluten Ehrlichkeit war wie ein Raketenstart für mein Leben in und mit AA! Meine Aussagen und mein Verhalten sind seither ehrlich, meine Lebensqualität stieg schlagartig um 50%. Ich war sofort freier, fröhlicher, zufriedener! Die einzige Halbwahrheit, mit der ich bis dahin noch gelebt hatte, war weg! Wunderbar! Schön langsam konnte ich dann auch vor meinen Kindern, Freunden, Kollegen und Verwandten zugeben, dass ich nicht nur Alkoholikerin bin, sondern auch was dagegen tue, nämlich zu AA gehe. Die Rückmeldungen waren eigentlich alle recht positiv! Die hatten natürlich alle mitbekommen, dass ich getrunken habe und waren nun heilfroh, dass ich weg davon war. Ich hörte keinen einzigen Vorwurf! Mit jedem Tag der Trockenheit wuchs auch das Vertrauen in mich selber, dass das mit dem Trockenbleiben doch offensichtlich funktioniert! Je größer meine Sicherheit bezüglich meiner Trockenheit wurde, desto geringer wurde die Scham.
In den Meetings in den USA habe ich auch mitbekommen, dass dort die AA einen ganz anderen Stellenwert besitzt und in der Gesellschaft einen anderen Platz einnimmt als hier bei uns im deutschsprachigen Raum. Sie ist nicht nur überall bekannt, sondern auch anerkannt! Dort erwähnen viele bei Bewerbungsgesprächen, dass sie zu AA gingen, viele Personalchefs nehmen dann lieber die trockenen Alkoholiker, weil sie von dem Programm der Ehrlichkeit wissen und ihnen genesende Alkoholiker mit moralischem Programm lieber sind als andere. Besonders im ländlichen Raum sind die Freunde stolz drauf, zu AA zu gehören. Die Freunde in den USA schämen sich auch nicht, krank zu sein, auch wenn sie alkoholkrank sind. Von dort habe ich eine wesentliche gelebte Aussage für mein Leben übernommen: "Es ist keine Schande, krank zu sein, aber es ist eine Schande, nichts dagegen zu tun."
Heute? Wie gehe ich also heute mit der Scham, der Schande, dem Makel um, Alkoholikerin zu sein? Ich habe so gut ich konnte die Schritte durchgeackert, habe wieder gut gemacht, was da zu tun war, versuche die Schritte in meinem täglichen Leben umzusetzen, habe IMMER einen Dienst in AA, den ich nach bestem Wissen und Gewissen erfülle. Ich denke, ich habe in meinem trockenen, geschenkten Leben mehr Lebensqualität und Lebensfreude als ich je hatte, sicherlich sogar mehr als vor meiner Trinkzeit. Ich schäme mich gar nicht mehr! Ich genieße die vielen Augenblicke in diesem meinem trockenen Leben! An der Nüchternheit arbeite ich noch! Meine Freude, Zufriedenheit und Fröhlichkeit wirkt natürlich auf meine Umgebung und dadurch wird meine Welt heller! Wenn es mir recht erscheint, gebe ich auch bei Festen und Feiern zu, dass ich nicht trinke, weil ich Alkoholikerin bin und daraus ergeben sich oft interessante Gespräche. Manchmal genieße ich es auch nur, mein Gegenüber zu provozieren! Für mich sind das schon Gelegenheiten für die Arbeit im 12. Schritt. Dieses Engagement liegt mir wirklich am Herzen. Von den Meetings weiß ich, dass ich nur behalten kann, was ich weitergebe. Und das tue ich mit voller Überzeugung und zu jeder Tages- und Nachtzeit, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Es freut mich, durch Anziehung statt durch Werbung zu wirken! Ich wünsche Euch gute, fröhliche 24 Stunden!
